Burgund

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Frankreich, Oktober 2006

Prunktrunk

Die Weine sind launisch wie Diven: Eine herbstliche Reise durch Burgund

Die Burgunder sind widerständig. Man könnte auch sagen, sie tun einfach das, was sie immer taten, kochen die Dinge, die sie schon immer kochten, bauen die Rebsorten an, die sie schon immer anbauten, wohl wissend, daß sie über Grundlagen verfügen, um die sie viele in der Welt beneiden. Es gibt bestes Geflügel aus der Bresse, bestes Rindfleisch aus dem Charolais; es finden sich Weinbergschnecken und Froschschenkel, Petersilienschinken und Époisses. Nur gelegentlich schleicht sich Fremdes ein: etwa Risotto oder Tagliatelle. Eine Todsünde wäre es jedoch, an der Côte d`Or andere Rebsorten als Chardonnay und Pinot noir anzupflanzen. Die Dinge der eigenen Tradition sind offenkundig so gut erprobt, so gut ausgewählt und verfeinert, daß globale Einflüsse kaum eine Chance haben.

Ruhig und breit fließt die Saône an der Altstadt von Mâcon vorbei. Am gegenüberliegenden östlichen Ufer, am Quai Bouchacourt in Saint-Laurent-sur Saône, betreibt der Drei-Sterne-Koch George Blanc ein Zweitrestaurant namens „Saint Laurent“. Es gibt ein Menü der „regionalen Tradition“. Zuerst werden Froschschenkel in Butter mit Knoblauch und Petersilie serviert. Langsam knappert der Gast das Fleisch von den kleinen Knöchelchen ab; es ist zart wie Fisch und aromatisch wie Geflügel. Natürlich wird ein Wein der Region dazu eingeschenkt: ein Mâcon-Village. Als Hauptgang kommt eine Brust vom Bresse-Huhn „à la crème“. Das Stück ist saftig und schmackhaft. Es sind keine komplizierten, spektakulären Dinge, doch man sitzt da, ißt, trinkt, plaudert, sieht draußen die Bögen der alten Saône-Brücke, dahinter spitze Kirchtürme aufsteigen, und fühlt sich wohl.

Nordwestlich von Mâcon führt der Weg nach Cluny. Auch wenn nur noch Ruinen von der Klosterkirche erhalten sind, muten sie immer noch gewaltig an. Einst an der Grenze zwischen dem westfränkisch-französichen Königreich und dem ostfränkisch-deutschen Imperium gegründet, unterstand das Kloster unmittelbar dem Papst. Es bildet sich ein freie Klosterrepublik aus, die zwischen 1088 und 1130 einen Kirchenbau errichtete, der an Glanz und Größe sowohl die damalige Peterskirche des Papstes in Rom als auch die Grablege der salischen Kaiser in Speyer übertrumpfte. Entlang der Pfeilerstümpfe kann man die kolossale Länge von 187 Metern teilweise noch ablaufen. Der erhaltene Südflügel des Querhauses reißt das Auge nach oben, spannt den Blick ein in steile Proportionen. Man spürt immer noch, daß alle Künste bemüht wurden, um das Äußerste an Pracht und Erhabenheit hervorzurufen.

Die Cluniazenser waren ebenso wie Zisterzienser daran beteiligt, daß Burgund zu einer der führenden Weinbauregionen in Europa aufstieg. Die Mönche beobachteten das Wetter, erkundeten die Böden und bauten große Keller. Sie fanden heraus, daß der Wein an der Côte d`Or besonders gut gedeiht, vergrößerten dort ihren Besitz und schufen im Ansatz bereits ein System der Grand Crus. Cluny brachte fast alle Weinberge um Gevrey-Charmbertin an sich; Citeaux, das Stammhaus der Zisterzienser, nannte den Clos de Vougeot sein Eigen.

Wenn man Cluny nördlich verläßt, führt die Straße geradewegs auf die Côte d`Or zu, auf die „goldenen Hügel“, welche die westliche Bruchkante des weiten flachen Saône-Grabens bilden. Man erblickt die sanften Hanglagen, die über das begehrte, wertvolle Bodengemisch für den Weinbau verfügen: Kalkstein und Mergel. Zwar ziehen sich die Hänge über fünfzig Kilometer nach Norden hin, erreichen aber in der Breite nur etwa einen Kilometer, denn der Saône-Graben selbst besteht aus sandigem, feuchtem Boden. Gelegentlich kauert ein kleines Dorf am Hang, wirkt unscheinbar, trägt meistens jedoch für viele Weinliebhaber einen weltberühmten Namen.

Selbst die ehrwürdige Tradition des Weinbaus in Burgund braucht junge Winzer, die für neue Impulse sorgen. Sofern ältere Kollegen vom traditonellen Stil sprechen, handelt es sich oft nur um Nachlässigkeit. Mancher Winzer macht um das Terroir der Orte sowie um die Rangfolge der Lagen, „Bourgogne“, „Village“, „Premier Cru“, „Grand Cru“, ein Getue, als erkläre ein  Psychoanalytiker die Freudsche Seelenlehre. Doch bei Proben zeigt sich, daß es zuerst auf den Winzer ankommt, auf sein Können, auf seinen Stil. Weltklasse, Provinzialität, Kläglichkeit liegen in Burgund nahe beieinander. Es ist keine Seltenheit, daß Weine aus den besten Lagen der Côte d`Or, die einen horrenden Preis kosten, dumpf und hart sind.

Vincent Dancer erbte in Chassagne-Montrachet einen Teil des großmütterlichen Weinguts und gründetet 1996 unter seinem Namen ein neues. Er restaurierte ein kleines Gehöft, das in den Weinbergen liegt. Der junge Mann wirkt zurückhaltend, wach, ist nicht ohne Selbstbewußtsein, und stellt mustergültige Chardonnays her. Schon jener, der die schlichte Bezeichnung „Bourgogne blanc“ trägt, entwickelt Charme. Man spürt milde Frische, filigrane Cremigkeit, Vanille, Butter, Haselnuß, Mineralik, Struktur. Die Eindrücke vertiefen sich noch, Körper und Großzügigkeit nehmen zu, wenn man zum Village, zum Chassagne-Montrachet, oder zum Grand Cru, zum Chevalier Montrachet, übergeht.

„Der maßlose Hochmut von Burgund!“ So betont es Johan Huizinga in „Herbst des Mittelalters“, wenn er den prachtvollen Hof der Herzöge von Burgund schildert. Ihr Kanzler, Nicolas Rolin, stiftete in Beaune, dem Zentrum der Côte d`Or, das berühmte „Hôtel-Dieu“, das Hospiz für Arme. Schon die Zeitgenossen munkelten, er habe es nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Eitelkeit getan. Die Anlage gibt sich nach außen bescheiden, zeigt eine kahle Kalksteinwand, entfaltet im Hof jedoch flamboyante Grandeuer. Die Dächer stellen bunte Rautenmuster zur Schau, prunken in Schwarz, Gold, Rot und Grün, färben sich wie das Weinlaub im Herbst.

Das Weingut Méo-Camuzet in Vosne-Romanée erzeugt aus dem Pinot noir einen Grand Cru Richebourg, der dem Hedonismus der Herzöge von Burgund wohl zugesprochen hätte. Der 2005er probiert sich aus dem Faß großartig: ist dunkel, seidig, filigran, dicht verwebt, fleischig, nahezu explosiv aromatisch; man vernimmt Tabak, Schokolade, Brombeere, spürt Tiefe und Kalkgestein. Das Weingut Armand Rousseau in Gevrey-Chambertin bevorzugt einen weniger prunkenden Stil, setzt auf schönen Glanz und heitere Lebensfreude. Bereits der Village, der 2005er Gevrey-Chambertin, schmeckt köstlich: ist rubinrot, frisch, seidig, lebendig, würzig, hat Finesse. Im Gegensatz zu den Weinen des Bordeaux, die etwas herber, verläßlicher sind, sind die Burgunder launische Diven. Man muß sie finden.

ERWIN SEITZ

 

Weitere Informationen über Office de Tourisme de Beaune, Tel. 0030 3 80 26 21 32 , www.ot-beaune.fr; Office de Tourisme de Cluny, Tel. 0030 3 85 59 05 39, www.cluny-tourisme.com; Office de Tourisme de Macon, Tel. 0030 3 85 21 07 07, www.macon-toursime-com

Adressen

Viele Winzer der Côte d`Or empfangen nur selten Besucher; man sollte unbedingt vorher anrufen. In Beaune findet man in jedem Fall eine Reihe von Weinhandlungen, die so gut wie alle Weine der Region anbieten und fair kalkulieren.

Domaine Vincent Dancer, 22 Route de Santeny, Chassagne-Montrachet, Tel. 0033 3 80 21 94 48. Da es sich um ein junges Weingut handelt, sind die Preise für den hervorragenden Wein noch recht günstig.

Domaine Méo-Camuzet, 11 Rue des Grand Crus, Vosne-Romanée, Tel. 0033 3 80 61 11 05

Domaine Armand Rousseau, Gevrey-Chambertin, Tel. 0033 3 80 34 30 55

Restaurant “Ma Cuisine”, Passage Sainte-Hélène, Beaune, Tel. 0033 3 80 22 30 22. Das Lokal nahe der zentralen Palace Carnot offeriert neben einer burgundischen Küche eine ausgezeichnete Weinkarte, auf der auch Vincent Dancer, Méo-Camuzet und Armand Rousseau gelistet sind.

Restaurant “Le Saint Laurant”, 1 Quai Bouchacourt, Saint-Laurent-sur-Saône, Tel. 0030 3 85 39 29 19. Zweitrestaurant von George Blanc.

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