Kalifornien

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Kalifornien, März 2006

Die Kraft der Wolkenkratzer

Reise von San Francisco ins Napa Valley

Westlicher geht es nicht. Der Westen staut sich regelrecht, bringt an seinen äußersten Punkten noch einmal zwei Metropolen hervor, Los Angeles und San Francisco, lockt die Nachfahren des Odysseus, Don Quijote, Robinson Crusoe, sammelt Abenteurer, Glücksritter, Träumer, zieht Leute an, die ihr Leben selbst machen wollen, die Ehrgeiz zeigen, Risiken eingehen, den Mut nicht verlieren. Seit seiner Entdeckung wird Kalifornien mythisch überhöht, werden Geschichten erzählt von Glut und Trance, Bezauberung und Leidenschaft, sei es der Goldrausch in Sacramento, das Eisenbahnfieber der Central Pacific Railroad, der Bildertaumel in Hollywood, die Computerhochstimmung im Silicon Valley oder die Weinekstase im Napa Valley, schließlich gilt San Francisco als eine Stadt, in der die Menschen obsessiv mit dem Essen beschäftigt sind.

Für die Bewohner von San Francisco ist ihre Stadt der eigentliche Gipfelpunkt des Westens. Los Angeles sei sehr groß, sehr flach, habe keinen Stil, sagt man mit Augenzwinckern. Dagegen besitze der eigene Ort nicht nur eine etwas ältere Geschichte, sei noch gespickt mit viktorianischen Baudenkmälern, er verfüge überhaupt über eine städtische Verdichtung wie in Europa, zeige Vielfalt, Geselligkeit, Lebensart. Richtig ist, daß selbst die Kapitalen auf dem alten Kontinent häufig von gewöhnlichem, flachem Land umgegeben sind, ob an der Seine, an der Themse oder an Spree und Panke. Demgegenüber drängt sich San Francisco spektakulär auf einer Langzunge zusammen, wird umspült vom Ozean und von der Bay, dem großen Binnengewässer. Man sieht riesige Brücken, die die Wassermassen überspannen, felsige Hügelketten ringsum. In der Stadt selbst geht es topographisch auf und ab. Niemand kann es sich erlauben, kleinmütige Gedanken zu fassen.

Jeder Tag, jede Stunde kann anders sein. Nicht selten ist morgens alles in Nebel gehüllt, bis mittags die Brise vom Meer und die Sonne für bestechend klare Konturen sorgen und in Downtown die Wolkenkratzer funkeln, während die Menschen heiter flanieren. Eine Reihe von Männern trägt Businessanzüge, einige Frauen erscheinen in eleganten, extravaganten Kleidern, wieder andere in Sportswear. Alles läuft ungezwungen neben einander her – um einiges entspannter als in New York. Große und kleine Dimensionen sind verzahnt: Erhabene Häuserschluchten wechseln unvermittelt mit überschaubarer Quartier-Atmosphäre. Im Nachmittagslicht schimmern neben den Bürotürmen aus Glas und Stahl die neoviktorianischen, hölzernen Wohnhäuser in ihren sanften Pastellfarben. Überall spürt man Energie, Kraft, entdeckt Schönheit da und dort.

Vielleicht ist San Francisco, wenngleich unter den amerikanischen Städten von Europa am weitesten entfernt, geistig am engsten mit dem alten Kontinent verwandt. Das Dreieck zwischen Union Square, Ferry Building und Washington Square erinnert in seiner Durchmischung von Geschäftsleben und Wohnvierteln, von Mode und Gastronomie, von Museen und Galerien ein bißchen an die Innenbezirke in Wien, an das Marais in Paris oder Mayfair in London. Sicherlich fehlt die Tradition der höfischen Verfeinerung, die Aura des Fürstlichen, Königlichen, dafür wird manches wohltuend erfrischend angepackt. So mancher Laden wirkt nicht unbedingt durchgestylt, aber die Dinge, die es gibt, sind oft ausgezeichnet. Das „Caffé Roma“ in der Columbus Ave röstet den Kaffee selbst und erzeugt köstliche Düfte. Die Gäste sitzen und reden und lassen die Zeit verstreichen. Die handgemachten Pralinen, die nebenan das „Truffles“ anbietet, sind verführerisch und voll von Geschmack. Wiederum ganz in der Nähe, am Washington Square, Ecke Stockton Street, findet man die „Liguria Bakery“, wo es handwerklich gefertigtes Focaccia-Brot gibt, welches ein wunderbares Aroma entfaltet.

Im Restaurant „One Market“, gleich gegenüber dem Ferry Building, werden in einem großen, hohen Gastraum, der klare Linien zeigt, moderne amerikanische Küche und kalifornischer Wein offeriert. Es gibt Salate und Suppen, Pasta und Sandwiches, Fisch und Fleisch vom Grill. Man schaut durch die großen Fenster zum Ferry Building und auf die Bay und fühlt sich als Kosmopolit. Oder man geht abends in die Bar, in den berühmten „Redwood Room“ des „Clift Hotels“, das man am Union Square in der Geary Street findet. Der dunkel beleuchtete, hohe Raum, der von mächtigen Säulen gestützt wird, wurde 1936 im geometrischen Stil des Art déco mit rötlichem Holz aus kalifornischen Wäldern verkleidet, kürzlich ergänzt durch Videoinstallationen und Möbel von Philipp Starck. DieVideoszenen fördern den Flirt zwischen den Menschen, ohne aufdringlich zu sein. Der Raum ist voll von schönen, interessanten Gesichtern, vermittelt Spannung, Verspieltheit, einen Hauch von erotischer Elektrizität, einen Anklang von großer Welt.

Schlagworte, die dem Anschein nach nicht zusammenpassen, verbinden sich in Kalifornien: Flower Power, Back to the land, Food and Wine, Digital Technology, Science, Downtown, Big Business, Art and Glamour. Die Biographien sind oft unorthodox und kreativ. Ein Filmstar wie Arnold Schwarzenegger läßt sich zum Gouverneur wählen; eine andere Hollywoodgröße wie Francis Coppola wird zugleich zum Winzer und ist Besitzer des legendären Weinguts Niebaum-Coppola; einer der Pioniere des kalifornischen Weins, Robert Mondavi, studierte in jungen Jahren in Standford. Schließlich sind die Keller der Stars und Sternchen in Beverley Hills voll von sogenannten Kultweinen.

Es gibt kaum eine Weinregion der Welt, die eine so klare und schöne Graphik besitzt wie das Napa Valley. Vom Ufer der Bay aus zieht es sich etwa fünfzig Kilometer von Süden nach Norden und ist lediglich zehn bis drei Kilometer breit. Der Talgrund ist fast flach, während hüben und drüben harmonisch die Berglanken aufsteigen. Tagsüber sammelt sich die Hitze im Tal, nachts kühlt es wieder ab. Die Trauben am Stock sind ständig beschäftigt, müssen sich den schwankenden Temperaturen anpassen, entwickeln dadurch Komplexität, Säure, Frucht, Aroma, Körper, Gerbstoff. An der Bay, wo es etwas kühler ist, wird hauptsächlich Chardonnay angepflanzt, im Inneren des Tals dominiert Cabernet Sauvignon. Wo man es gewohnt ist, groß und großmütig zu denken, fackelte man nicht lange und entschied sich für Rebsorten, die in besonderer Weise edle, erhabene, kraftvolle Weine hervorbringen können.

Die führenden Winzer haben dem Übermaß an Fruchtigkeit und Holzfaßwürze längst abgeschworen. Die Pflege des Weinbergs und der überlegte Einsatz der Technik im Keller halten einander die Waage. Für den Wein gilt das Prinzip der Balance, die Harmonie von Säure, Frucht, Aroma, Körper, Gerbstoff. Nach wie vor spürt man im Wein etwas von der kalifornischen Sonne, von Licht und Wärme, die Frucht und Körper entfalten, doch man vernimmt auch genügend Säure und Gerbstoff, Frische und Rückgrat. Die ganz großen Cabernet Sauvignon bieten darüber hinaus die Würze des Terroirs, mineralisches Aroma, Tiefe und Geheimnis, einen Hauch von Morbidezza, von Pilzen, Tabak und Kräutern, sind dicht und majestätisch, wie der 2001er Cask 23 Cabernet Sauvignon von Stag´s Leap Wine Cellars. Der Wein wirkt wie ein Energiespender, man fühlt sich seelisch und körperlich gestärkt.

Nicht wenige Weingüter ahmen die Winzer des Bordeaux nach, vermischen den Cabernet Sauvignon mit etwas Merlot und bauen die Cuvee in französichen Barriques aus, um die Majestät des Cabernet Sauvignon etwas runder zu schleifen. Doch unverwechselbar amerikanisch mutet am Ende der reinsortige Cabernet Sauvignon an, zumal wenn er in amerikanischen Eichenfäßern reift, die dem Wein noch mehr Biß und Power verleihen. Der 2001er Cask Cabernet Sauvignon von Niebaum-Coppola folgt dieser Philosophie, ist von herrlicher Tiefe, strotzt vor dunklen Tönen, schwarzen Kirschen, schwarzen Johannisbeeren, Bitterschokolalde, wirkt maskulin, fast phallisch, es ist, als erlebe man die Kraft der Wolkenkratzer.

ERWIN SEITZ