Dürerhaus Nürnberg

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Feuilleton, März 2004

Mehr Licht

Neue Erkenntnisse zu den venezianischen Luxusmomenten in der Baugeschichte des Albrecht-Dürer-Hauses in Nürnberg

Sogar der Doge kam ins Atelier, um das Gemälde des Rosenkranzfestes zu bewundern, das Dürer für San Bartolomeo in Venedig malte. Der ranghöchste Vertreter der reichsten Stadt im damaligen Europa erwies dem Maler die Ehre. Er selbst genoss die Lebensart der Venezianer und fühlte sich wie ein „Edelmann“. Dürer schrieb an Prickheimer den berühmten Satz: „Hie bin ich ein Herr, doheim ein Schmarotzer.“ Es war nicht unbedingt verzagtes Eingeständnis, es schwang auch Ironie und Kampfeslust mit. Sein Streben, der Spätgotik zu entwachsen und den Menschen neu zu entdecken, hatte sich in Venedig gefestigt. Der fast pflanzlichen Zerbrechlichkeit der menschlichen Kreatur in der heimischen Kunst stellte er die plastische Schönheit des Leibes gegenüber und betonte Kraft und Größe des Humanen. Als er 1507 nach Nürnberg zurückkehrte, wollte er ein freies, würdiges Künstlerleben führen. Äußerer Ausdruck sollte ein neues stattliches Haus sein.

Tatsächlich wurde Dürer zwei Jahre nach seiner Rückkunft in den Stand der „ehrbaren Bürger“ erhoben und in den Großen Rat gewählt. Selbst wenn die entscheidenden Regierungsgeschäfte der Freien Reichsstadt dem Kleinen Rat vorbehalten blieben, wo die Patrizier das Sagen hatten, trafen sich Ehrbarkeit und Patriziat in der „Herrenstube“ und bildeten gemeinsam die soziale Oberschicht. Dürer trennte sich 1509 vom schmalen, beengten Elternhaus, das für einen Handwerker typisch war, und unterstrich seinen Aufstieg zum ehrbaren Bürger und zur freien Künstlerexistenz durch den Erwerb des großen Hauses am Tiergärtner Tor. Längst bevor Goethe mit exemplarischer Absicht als Künstler hofhielt, zeigte Dürer, wie das geht. Während man im Fall des Dichters aber genau weiß, wie er sein Haus am Frauenplan nutzte, ist man im Fall des Malers auf Vermutungen angewiesen. Bis vor kurzem wußte man nicht einmal, was an dem Gebäude wirklich der Dürerzeit angehört.

Gefördert durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, hat das Büro für Architektur und Denkmalpflege von Hermann Keim und Claus Giersch in Fürth nun über die letzten Jahre baugeschichtliche Befunde erarbeitet, die für zukünftige Sanierungsmaßnahmen die Grundlage bilden und zugleich das Leben des Künstlers im Haus faßbarer machen. Schriftliche Quellen wurden ausgewertet, dendrochronologische Untersuchungen vorgenommen und die Baubestände zeichnerisch erfaßt.

Um 1418 wurde der Bau als dreigeschossiges Wohnhaus mit viergeschossigem Dach und nördlichem Halbwalm in Holzfachwerk errichtet. 1501 erwarb der Kaufmann und Astronom Bernhard Walter das Anwesen und ließ es zwei Jahre später umbauen, bevor es 1509 Dürer kaufte. Das steile spätgotische Gepräge wurde durch den Umbau im Sinn der Renaissance horizontal gemildert. Walter verwandelte das erste Dachgeschoß an der Ostseite zum Vollgeschoß und hob das Dach an dieser Stelle an. Das Gebäude erhielt insgesamt mehr Festigkeit und Bodenhaftung, denn im ersten und zweiten Geschoß ersetzte man die Außenwände aus Fachwerk durch Sandsteinquader. Es entstanden Fensterreihen, die mehr Licht ins Haus ließen.

Innen schuf Walter eine große Halle, die das ganze Erdgeschoß einnahm. Mächtige Unterzüge wurden eingefügt, die die Grandeur der Tenne zur Geltung brachten. Erst nach Dürers Tod, als Nürnbergs Stern langsam sank und biedere Handwerksmeister das Haus in Beschlag nahmen, wurde der große Raum wieder durch Wände unterteilt. Glücklicherweise hat man sie vor ein paar Jahren abermals entfernt, weil man für den Empfang der Museumsbesucher Platz gewinnen wollte. Die Denkmalpflege, die das Prinzip der Ganzheitlichkeit vertritt und möglichst alles erhalten möchte, gelegentlich auch ältere Bausünden und das Kleinliche, drückte ein Auge zu.

Das erste Obergeschoß blieb nach 1503 dem Wohnen vorbehalten. Nur hier gab es zu diesem Zeitpunkt eine Küche, deren großer Rauchfang sich erhalten hat. 1527 ließ Dürer von der Küche einen schmalen Raum abtrennen und zum Abort umfunktionieren. Er schuf einen Komfort, der damals noch selten war. Da er die kleine Veränderung ohne Genehmigung vornahm, beschwerte sich der Nachbar, der offensichtlich darunter zu leiden hatte. Der Rat brummte Dürer eine Geldstrafe auf, die ihm dann doch erlassen wurde.

Luxuriös war es auch, daß nach dem Umbau mehrere Räume beheizt werden konnten. Nicht nur die Stube hinter der Küche gewann durch das Herdfeuer an Wärme, auch die großen Stuben im ersten, zweiten und dritten Obergeschoß an der Nordostecke des Hauses waren an eine Kaminachse angeschlossen. Die Stube hinter der Küche bildete wohl das Schlafzimmer der Eheleute, die große Stube an der Nordostecke auf derselben Ebene den repräsentativen Wohnraum. Die markanten, flachbogigen Fensternischen und die Bohlenbalkendecke in diesem geräumigen Zimmer haben sich seit fünfhundert Jahren nicht verändert. Dürer mußte für sein Meisterwerk „Hieronymus im Gehäus“ kaum etwas erfinden. Er mußte sich nur hinsetzen und abzeichnen, um den Geist eines häuslich gepflegten Raumes wiederzugeben. Wahrscheinlich wurden in dieser Wohnstube gewöhnlich die Freunde empfangen. Das Atelier befand sich vermutlich in der nordöstlichen Eckstube im zweiten Obergeschoß, da hier bereits 1503 große Fenster eingebaut worden waren, die ein mildes spendeten. Im dritten Obergeschoß wohnten wohl die Gesellen wie Hans von Kulmbach, denn die Ehe blieb kinderlos.

Natürlich gab es Patrizieranwesen, die das Dürerhaus an Größe und Luxus übertrumpften, wie etwa das Schürstabsche Haus, das nördlich der Sebaldkirche zu sehen ist. Doch Dürers Domizil verwies keineswegs auf einen armen Schlucker. So wie sein Werk von der Spätgotik zur Renaissance drängte, so verkörperte sein Haus einen modernen Geist und sprach einem kraftvollen, heiteren Leben zu.

ERWIN SEITZ