Café im me Collectors Room Berlin

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Januar 2019

Art and Dinner

Zeitgemäß: Bildende Kunst und Gastronomie begegnen sich auf Augenhöhe im Café des “me Collectors Room Berlin” in Mitte

Man könnte fast dran vorbeilaufen. Denn das moderne Gebäude des „me Collectors Room Berlin“ tut sich nicht hervor und steht bündig in der Flucht mit denkmalgeschützten wilhelminischen Nachbarbauten. Auch die Farben, Grau und Weiß, geben sich zurückhaltend. Der Flaneur befindet sich in der Auguststraße in Mitte, der bekanntesten Kunstmeile der Stadt, geschmückt mit vielen Galerien. Die hohen Fenster des „me Collectors Room“ lassen ihrerseits ein Foyer-Café erkennen.

Tatsächlich verbirgt sich hinter der Fassade ausnahmsweise keine Verkaufsgalerie, sondern ein Sammlermuseum, das den Besucher buchstäblich niederschwellig empfängt und ihn dann in die Tiefe des Gebäudes lockt. Dem Foyer-Café folgen ein Museumsshop mit Vortragspodium sowie schließlich kathedralhaft hohe Ausstellungshallen, die vorwiegend Werke der Gegenwartskunst zeigen, alle paar Monate thematisch anders bestückt. Nur die Werke der Wunderkammer in den oberen Räumen sind permanent zu sehen, Kuriosa und Pretiosen aus der Renaissance und dem Barock, ergänzt von einer Galerie-Lounge. Es handelt sich um die Sammlung von Thomas Olbricht, die als die größte private Kunstsammlung in der Stadt gilt. Obwohl Olbricht – unter anderem Professor für Medizin und Wella-Erbe – eigentlich in Essen ansässig ist, hat er in Berlin in der Auguststraße den idealen Ort für die „Olbricht Collection“ gefunden, vom Publikum gut frequentiert.

Ausstellungshalle im me Collectors Room Berlin
© me collectors Room Berlin, Photo: Bernd Borchardt

Normalerweise ist die Verbindung von Kunstmuseum und Gastlichkeit ein leidiges Thema. Lange Zeit gab es in solchen Häusern überhaupt keine Gastronomie, später sahen die verantwortlichen Direktoren diesen Bereich als ein lästiges Anhängsel an. Denn nach klassischer Theorie herrschte eine Hierarchie der Sinne vor: Die vornehmen Sinne waren die distanzierten: das Auge und das Ohr beziehungsweise das Sehen und Hören, während das Riechen, Schmecken und Tasten als zu sinnlich anmuteten. Heute schmelzen solche hoheitlichen Strukturen zwischen geistig-distanzierter und sinnlich-unmittelbarer Wahrnehmung zusammen. Die bildende Kunst oder die klassische Musik können für sich nicht länger in Anspruch nehmen, exklusiv die Hochkultur zu vertreten. Formen der Gastlichkeit, des Umgangs mit Menschen und der Gourmandise kommen hinzu. Die Grenzen zwischen Hoch- und Alltagskultur werden fließend, die zwei Bereiche regen sich gegenseitig an.

Konzept, Architektur und Einrichtung des „me Collectors Room“ tragen dem Rechnung. Es entstand nach außen hin kein solitärer Bau, der die bildende Kunst über alles stellt, sondern ein Gebäude, das sich nachbarschaftlich einfügt und innen Erlebniswelten bietet, Innenräume, die ohne Türen freien Durchgang gewähren, luftig und hoch, sachlich und elegant – in der Tradition weißer Bauhaus-Moderne. Olbricht hatte dafür um 2010 das junge Berliner Architekturbüro Düttmann + Kleymann beauftragt und die Idee vorgegeben, den Besucher mit einem Foyer-Café zu empfangen.

Oft erscheint es ja paradox, wenn ausgerechnet in Kunstmuseen die Gastronomie wenig kunstvoll ist. Die Einrichtung erinnert nicht selten an lieblose Kantinen und der Apfelkuchen zum Kaffee stammt aus der Tiefkühltruhe und ist konventionell. Anders im „me Collectors Room“. Das Café befindet sich nicht am Rand des Gebäudes, sondern an zentraler Stelle, und die Kunst der Einrichtung ist von den anderen Räumen kaum zu unterscheiden: weiße Wände, dunkler Parkettboden, Designer-Möbel, kleinere Tischen und Sessel sowie ein großer langgestreckter Eichenholztisch, an dem fremde Leute nebeneinandersitzen und leicht ins Gespräch kommen können, quasi im Family-Style.

Café im me Collectors Room Berlin
© me Collectors Room Berlin, Photo: Lidia Tirri

Seitlich erblickt der Gast eine offene Küche und erlebt eine Art von „Life-Cooking“. Es stehen gut ausgebildete Leute am Herd. Küchenchef Joseph Cassar verbrachte seine Lehr- und Wanderjahre in mehreren Sternerestaurants und sorgt für eine leichte, moderne Lunch- und Kaffeehausküche mit saisonalem Salat, Suppe, Tagesgerichten, häufig Risotto und Pasta, dazu frisch gepresste Säften aus Obst und Gemüse, Snacks wie Oliven, Nüsse oder Popcorn, hausgemachte Waffeln und Kuchen. Zudem werden sogenannte „Mitte-Schnitten“ offeriert: rechteckig zugeschnittene Brotscheiben mit Bio-Aufstrichen.

Die Öffnungszeiten für das Café sind dieselben wie für das Museum, von 12.00 bis 18.00 Uhr, außer Dienstag. Doch gelegentlich gibt es auch Abendveranstaltungen im Café oder auf dem Vortragspodium. In den Ausstellungshallen finden zuweilen sogar Modeschauen oder Hochzeiten statt. Und vor zwei Jahren wurde die Reihe „Art and Dinner“ eingeführt, eine abendliche Tafelrunde in Foyer-Café, jeweils mit einem Gastgeber aus der Kunstwelt. Nicht selten ist es der Hausherr selbst, Thomas Olbricht, der als Kunstsammler aus dem Nähkästchen plaudert, während zwischendurch ein Drei-Gang-Menü serviert wird, etwa Hummerbisque und Pilzessenz, Rehragout mit Rosenkohl sowie Waffeln mit Schokolade. Auf schönere Weise kann man sich kaum mit Kunst befassen.

Kunstsammler Thomas Olbricht
© me Collectors Room Berlin, Stiftung Olbricht, Photo: Jana Ebert

Rehrücken auf Thymian-Rosmarin-Risotto mit zweierlei Sellerie
© me Collectors Room Berlin

 

 

 

 

 

 

 

So oder so entwickelt der „me Colletors Room Berlin“ neue Wege der Gastlichkeit. Die gesellige Zusammenkunft nimmt einen hohen Stellenwert ein, ähnlich wie einst im griechischen Symposion: miteinander essen, trinken, Gedanken austauschen, sich an schönen Dingen erfreuen. Es geht bei solchen Gastmahlen nicht um endlose Diskurse oder spitzfindige Definition, sondern in Maßen um Kunst und Lebensart, Vergleich und guten Geschmack, Gemeinschaftserlebnis und Menschlichkeit. Es könnten die Bausteine sein für eine nachdigitale sinnlich-intellektuelle Sehnsuchtswelt.

 

Me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht, Auguststraße 68, Berlin-Mitte

www.me-berlin.com