Café Einstein Unter den Linden

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Oktober 2018

Außen preußisch, innen österreichisch

„Café Einstein Unter den Linden“ in Berlin-Mitte

Als Ende des achtzehnten Jahrhunderts das Brandenburger Tor neu errichtet wurde, erhielt die Promenade Unter den Linden nach Westen hin einen würdigen Abschluss. Die breite, durchlässige Struktur des Tores vermittelte ein Air von Freiheit und Kunst. Am anderen Ende, nach Osten hin, fand der Flaneur das Forum Fridericianum, eine Platzanlage mit Opernhaus und Prinz-Heinrich-Palais, das später die Universität aufnahm, gefolgt von Neuer Wache und Zeughaus. Baulich eine Meile von europäischem Gepräge, mit Einflüssen des Italienisch-Palladianischen, Pariserischen, Antik-Athenischen – letztlich ein preußischer, wenn nicht Berliner Stil: sachlich, von gediegener Nobelesse.

Schon Heinrich Heine schwärmte 1822 in seinen „Briefen aus Berlin“ über die Promenade Unter den Linden, zumal von den weltläufigen Lokalen dort, vom „Jagor“ und dem „Café-Royal“. Das Letztere mochte er besonders und schrieb: „Eine Versammlung eleganter, gebildeter Welt.“ Man sah dort Journalisten, Komponisten, Opernsänger, Theaterintendanten, Politiker – Talente und Koryphäen, wie man es sich von der großen Stadt, der Urbs maxima erträumt. Doch das „Café-Royal“ ist längst nicht mehr.

Vielleicht aber hätte dem Dichter ebenso das heutige „Café Einstein Unter den Linden“ gefallen – ein Ort, an dem Berlin-Mitte zu sich selbst kommt: Lokal, Bühne, Theater, wie man will. Prominenz erscheint, Preußenprinzen, Minister, Minister a. D. und TV-Talkmasterinnen wie Maybrit Illner. Der Eintritt ist frei, wenn man nur wenigstens einen Espresso bestellt. Im vorderen Bereich, im eigentlichen Kaffeehaus, kann jeder Gast seinen Platz frei wählen, hinten, im Restaurnat, sind die Tische mittags für das Establishment reserviert.

rational-geometrisch:
Außenansicht de Café Einstein Unter den Linden
© Robert Rieger

Das Lokal befindet sich in einem streng rational strukturierten Neubau von Jürgen Sawade aus dem Jahr 1995. Der Architekt sagte damals von sich selbst: „Ich bin auch Preuße und als solcher in meiner ästhetischen Gesinnung ein Purist, ein Rationalist und zunehmend auch ein Minimalist.“ In den Räumen des Cafés wurde diese Gesinnung jedoch teilweise hintergangen. Man möchte pointieren: Außen preußisch – innen österreichisch, weil seinerzeit, bei der Eröffung des Cafés, der Süden noch mehr von Gastlichkeit verstand als der Norden. Und vielleicht ist das Ineinander von beidem so recht eigentlich berlinisch-modern – die Kunst des Amalgamierens, des Verbindens, des Einschmelzens.

Gerald Uhlig gründete das „Café Einstein Unter den Linden“ 1996 mit Partnern. Er war vorher von Wien nach Berlin gezogen und trug das Wiener Kaffeehaus im Herzen. Entsprechend wurde das „Einstein“ eingerichtet. Zwar durchaus geradlinig, aber mit gepolsterten Lederbänken und Stühlen sowie kleinen Marmortischen, die teils weiß gedeckt werden, mit Spiegeln, Ballonlampen und Zeitungen – der Service in klassischem Schwarz und Weiß, ohne Getue.

sinnlich-behaglich:
Innenansicht des Café Einstein Unter den Linden
© Peter Langer

Das „Einstein“ gibt dem Gast so viel Freiheit wie möglich. Er kann das Lokal sowohl als Café wie auch als Restaurant nutzen oder das eine mit dem anderen verbinden und zum Café-Restaurant verwandeln. Er kann weniger oder mehr bestellen, Kleinigkeiten oder tüchtige Bissen, traditionelle deutsch-österreichische oder mediterrane Gerichte, nichts Übertriebenes, aber frisch und schmackhaft zubereitet, schnörkellos und schön angerichtet, vom marinierten zarten Tafelspitz mit blanchierten, silberfarbenen Zwiebelringen und dunkelgrünem Kürbiskernöl über das ausgezeichnete Wiener Schnitzel bis hin zu Ravioli oder Apfelstrudel mit Vanillesoße und Kaiserschmarrn mit eingemachten Zwetschgen.

2016 übernahmen die Besitzer des „Grill Royal“, Stefan Landwehr, Boris Radcun und Moritz Estermann, das Café, ohne das Konzept zu ändern. Allerdings steht seither als Küchendirektor Siegfried Danler am Herd, ein gebürtiger Österreicher, der seine Lehr- und Wanderjahre unter anderem im damaligen Drei-Sterne-Restaurant „Aubergine“ von Landsmann Eckart Witzigmann in München verbracht hatte. Danler setzt nun die kulinarische Ausrichtung des „Einsteins“ fort, hebt aber die traditionelle deutsch-österreichische Küche im Kern auf das Niveau einer Hochküche. Eine Hühnerbrühe mit Fettaugen mag gewöhnlich anmuten, schmeckt aber im „Einstein“ traumhaft gut – ein Seelenwärmer an kaltem Wintertagen.

Der Gast kann frühstücken oder später ein Mittag- oder ein Abendessen bestellen. Er kann den Gaumen kitzeln und den Magen beruhigen, kann allein oder zu zweit sein, kann ein Tête-à-Tête vereinbaren, im größeren Kreis sitzen, mit der Familie, mit Freunden, mit Kollegen, mit Geschäftspartnern, kann schauen, sich unterhalten, Gedanken austauschen.

So verkörpert das „Einstein“ im besten Sinne den Geist der klassischen europäischen Stadt, in der es fußläufige Promenaden mit Orten zum Verweilen, Genießen und Leutegucken gibt. Man reise einmal nach Tokyo oder Houston in Texas – und wird in Japan oder Amerika kaum Lokale finden, die ein solches Laissez-fair bieten und sich sommers zum öffentlichen Raum hin öffnen, wo der Gast süßem Nichtstun frönen kann. Vielleicht ist es in der warmen Jahreszeit vor dem „Einstein“ überhaupt am schönsten, dicht an der Hauswand, denn die Stühle sind an den kleinen Tischen nicht vis-à-vis gestellt, sondern zum Boulevard hin ausgerichtet. Die Partner hocken einander nicht frontal gegenüber, sondern nett nebeneinander und können das Treiben auf dem Corso beobachten. Die Sonnenschirme sind nicht flächendeckend, sondern entwickeln ein Spiel von Licht und Schatten. Womöglich ist ein solch gut geführtes Café-Restaurant der angenehmste und liberalste Platz, den man sich denken kann.

Erwin Seitz

„Café Einstein Unter den Linden“, Berlin Mitte, Unter den Linden 42

einstein-udl.com