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Dresden, Juni 2017

Das Herz der Stadt

Die wieder aufgebaute innere Altstadt von Dresden beeindruckt durch faszinierende Außen- wie Innenräume, Kunst, Kultur und Genuss

Der Empfangsraum des Hotels Vienna House QF Dresden ist elegant mit anthrazitfarbenem Stein verkleidet. Die Chefin des Hauses, Frau von der Osten, trifft dort zufällig einen Stammgast, Jan Vogler, den bekannten Cellisten, der gleichzeitig Leiter der Dresdner Musikfestspiele ist. Sie kommen ins Plaudern – und der Gast daneben hört, dass der Künstler gestern noch in Venedig war und einige Tage später in New York sein wird. Dresden, so scheint es, ein Drehkreuz von Kunst und Kultur.

Das charmante Boutique-Hotel befindet sich in einem jener Quartiere, die in den letzten Jahren um den Neumarkt herum entstanden sind, dem eigentlichen Herz der Stadt. Beherrschend die Frauenkirche, bekrönt von der kühn geschwungenen Kuppel. Die benachbarten Quartiere schieben sich, wie einst, unregelmäßig in den Neumarkt hinein, so dass ein bewegtes Bild entsteht. Die Fassaden bewahren die vormalige barocke Kubatur, in der Regel fünfgeschossig und bunt, mit körperreichen Mansarddächern. Einige Häuser wurden historisch rekonstruiert, andere fügen sich harmonisch ein.

Es ist das Bild einer klassischen europäischen Stadt entstanden: mit Hauptplatz, Kirche, Geschäften, Gastronomie, Hotellerie und Menschen, die den Platz zu Fuß erschließen. Vereinnahmend die Weitläufigkeit des Neumarkts, die Grandeur einer Piazza, eine wahre Plaza Mayor – solange nur nicht billige Schaustellerei oder Kleinklein den Platz bespielen, sondern die Menschen selbst sowie die Schönheit der Baukunst die Hauptsache sind und Würde ausstrahlen.

© Christoph Münch
Blick vom Jüdenhof auf den Neumarkt mit Frauenkirche. Links der Frauenkirche das QF, das Quartier an der Frauenkirche.

Es war keineswegs sicher, dass die innere Altstadt von Dresden wieder ihre kleinteilige Struktur erhalten würde, gemacht für Fußgänger und Bürger, nachdem sie 1945 in Schutt und Asche versunken war und sich auf diesem Areal zu Zeiten der DDR nicht viel tat. Einig war man sich nach der Wende nur, dass die Frauenkirche wieder errichtet werden sollte, was dann auch geschah. Es ist größtenteils einer Bürgerinitiative zu verdanken, die sich seit 1999 „Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden“ nennt, dass das Traumbild vom alten Dresden um die Frauenkirche herum wieder Gestalt annahm: Kulissen aus vorindustrieller Zeit für die nachindustrielle, wenn nicht postdigitale Gesellschaft – ein Ort für echte Begegnungen, von Angesicht zu Angesicht.

Zu stark waren die Erinnerungen an das Canaletto-Dresden, an Bilder, die die Stadt in Licht und Luft eintauchten und ihr eine leichtere, südlichere Art verliehen. Es war im Grund ein Elb-Venedig, das der venezianische Maler Canaletto um 1750 prägte; im frühen neunzehnten Jahrhundert sprach man dann von Elb-Florenz, anspielend auf die großartige Gemäldesammlung der sächsischen Residenz.

Das barocke Dresden war mit seinem höfischen Treiben sagenumwoben. Eine Zeitzeugin, Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, schrieb um 1750 in ihrem Memoiren: „Der Hof zu Dresden war damals der glänzendste in Deutschland. Die Pracht war hier bis aufs äußerste getrieben, und man frönte allen Genüssen; (…) die Damen waren sehr liebenswert und die Herren sehr galant.“ Noch drei Jahrzehnte später schlug Johann Kaspar Riesbeck in dieselbe Kerbe und hielt in seinem Reisebuch fest: Dresden „ist ohne Vergleich die schönste Stadt, die ich noch in Deutschland gesehen. Die Bauart der Häuser hat viel mehr Geschmack als die von Wien. (…) Die Sitten und die Art der hiesigen Leute sticht mit den Deutschen, die ich bisher gesehen, noch stärker ab als die Schönheit der hiesigen Straßen.“

Kritiker deuten heute die wieder aufgebaute innere Altstadt von Dresden als ein „Disneyland“. Aber davon kann kaum die Rede sein. Vielerorts hat man die Gebäude nicht einfach rekonstruiert, sondern eine kluge Mischung aus Denkmalpflege, Handwerk, industriellen Mitteln und zeitgenössischem Design gefunden, oft nach einigem Hin und Her zwischen Bürgerinitiative, Stadtverwaltung, Bauherrn, Projektentwicklern, Architekten und Künstlern – so wie es sich gehört. Der Kommerz hat nicht den Sieg davon getragen, sondern reiht sich ein zwischen Kunst und Kultur.

Während die Frauenkirche zwischen 1994 und 2005 wieder emporwuchs, wurde parallel seit 2002 das „Quartier I“ geplant, unmittelbar westlich der Frauenkirche, somit auch „Quartier an der Frauenkirche“ genannt: kurz „QF“. Projektentwickler und Mitinvestor war Arturo Prisco, ein Münchner Stoffhändler italienischer Herkunft. Es entstand ein Quartier aus kleinteiligen Parzellen mit Innenhof, den man in eine überdachte Ladenpassage auf drei Ebenen ausbaute. Der Besucher geht heute nicht durch eine schnöde geradlinige Shoppingmall, sondern betritt ein Raumgebilde mit unregelmäßigem, expressionistisch-lebendigem Grund- und Aufriss, feiner Architektur und plastischer Kunst; er findet Geschäfte, die weltweit bekannt sind, darunter auch regionale Marken wie A. Lange und Söhne, Glashütte und Meissner Porzellan, daneben eine Chocolaterie, Cafés, Restaurants und Tourismus-Information. Das QF-Hotel im QF – das mittlerweile Vienna House QF Dresden heißt – richtete schließlich der italienische Designer Lorenzo Bellini ein und sorgte in den Zimmern für ruhige, wohnliche Töne mit Sandfarbe, Beige und hellem Braun.

Dieses Quartier, das 2006 fertiggestellt worden war, setzte Maßstäbe für die weiteren Quartiere, die anschließend in der Nachbarschaft entstanden. Darüber hinaus hat sich um den Neumarkt herum regelrecht ein magisches Dreieck gebildet, mit musikalischen Spielstätten und Museen von erstem, europäischem Rang: Es erstreckt sich vom Albertinum im Osten über den Kulturpalast im Süden bis zur Semperoper im Westen – alles angenehm fußläufig erreichbar.

Das Albertium war 1563 als Zeughaus errichtet worden und kam im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs glimpflich davon. Außen des Öfteren überformt, blieb das Haus im Kern ein monumentaler Renaissancebau, der einst, zur Bauzeit, als „Wunder in Dresden“ galt. Seit längerem schon beherbergt es nun die Galerie Neue Meister mit Werken der Bildhauerei und Malerei vom neunzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart. Über eine gedrungene Eingangshalle kommt man in den Lichthof, der sich riesig ausdehnt und eine Höhe von drei Geschossen erklimmt, abgeschlossen von einer hellen Milchglasdecke, während die historischen Wände ringsum in elegantem, gedämpftem Weiß gehalten sind. Der Besucher atmet auf und fühlt sich wie ein Grandseigneur.

© David Brandt – Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Lichthof im Albertinum, Galerie Neue Meister

Erst vor ein paar Jahren schuf der Architekt Volker Staab diesen Raum, indem er in den Innenhof von der Traufhöhe bis zum First ein Depot einhängte. So entstand mit dem Lichthof ein neues Raumwunder als Foyer, von dem aus man das ältere Raummirakel erreicht: die langgestreckte Skulpturenhalle mit Kreuzgewölben, wo Meisterwerke von Rodin und Lehmbruck Schwerpunkte bilden. In den Geschossen darüber trumpft die Malerei mit nicht minder berühmten Künstlern auf: von Caspar David Friedrich über Maler der klassischen Moderne bis zu Gerhard Richter. Auch Richter spielt gern mit gedämpftem Weiß und hellem Grau – als Zeichen unaufdringlicher Eleganz.

Gleich neben dem Albertinum wurde die letzte Kriegsruine der inneren Altstadt wieder ertüchtigt: das Kurländer Palais im Stil des Rokoko. Man kann dort im Erdgeschoss ins Restaurant Kastenmeiers einkehren. Der Gast sitzt in den Gartensälen, die geschmückt sind mit der Ästhetik nackter Ruinenwände, ergänzt von modernem Komfort und zeitgenössischer Kunst. Als Pendant zum Rokoko gibt es vorwiegend leichten frischen Fisch und Krustentiere; köstlich die Hummersuppe, der gebratene Zander und Kabeljau. Unter den Gästen herrscht babylonisches Sprachengewirr: Sächsisch, Schwizerdütsch, Russisch, Englisch, Japanisch. Man spielt: „liebenswerte Dame“ und „galanter Herr“.

Zwischendurch tut es gut, nach all dem Rokoko, Barock und der Renaissance sich an klarer Bauhausmoderne zu erfreuen: im Kulturpalast. Eröffnet 1969 nach Plänen von Wolfgang Hänsch, wurde das Haus kürzlich saniert und umgebaut durch das Büro Gerkan, Marg und Partner. Der Konzertsaal sollte besser auf die Bedürfnisse klassischer Musik zugeschnitten werden, als Spielort der Dresdner Philharmonie. Man fühlt sich im Nu wie verzaubert. Die strengen rechtwinkeligen Formen des Äußeren mildern sich im Saal ab und bilden ein Oval. Orchesterpodium und Parkett werden von Rängen umzogen, die sich wie hängende Weingärten in den Raum schieben. Darüber wölbt sich eine fein gefaltete weiße Decke, während die Böden helles Holz zeigen und die Sitze rote Polster. Auf Wunsch des Bauherrn, der Stadt Dresden, und der Musiker sollte der neue Konzertsaal den „traditionellen warmen Dresdner Klang“ fördern – und somit die romantische Idee heben, nach der die einzelnen Töne der Musik in ein Ganzes, Unendliches zusammenschmelzen. Der Besucher ahnt etwas davon, noch bevor der erste Ton erklingt, weil auch die Architektur dem zuarbeitet.

© C. Gahl
Konzertsaal im Kulturpalast

© Sylvio Dittrich
Kleiner Schlosshof im Residenzschloss

Die neuen fantastischen Räume in Dresden setzen sich fort. Auch das Residenzschloss, das ebenfalls aus den Ruinen wieder auferstanden ist, bietet dergleichen. Der kleine Schlosshof dient als Foyer, nach Plänen von Peter Kulka und Philipp Stamborski überdacht von einer gläsernen Kuppel, die auf einer Netzkonstruktion liegt, ganz so, als schaue man durch das Dach eines Raumschiffs. In Wahrheit ist man von Renaissancearchitektur umgeben, die im kleinen Schlosshof zum Teil original erhalten ist. Von hier aus erreicht man Räume, die etwas vom prachtvollen Hofleben der sächsischen Herrscher vermitteln: im Grünen Gewölbe, im Riesensaal, in der Türkischen Cammer und so fort. Die musealen Gegenstände, wie Silbergefäße, Goldschmiedekunst, Pretiosen, Diamanten, Paraderüstungen, sind vorzüglich in Szene gesetzt und bestens beleuchtet. „Wir haben nicht einfach alles hineingestellt, was wir haben“, erklärt Dirk Syndram, der Direktor des Grünen Gewölbes, „sondern das Beste ausgewählt und ins rechte Licht gerückt.“

Der Besucher der Stadt durchläuft ständig andere Epochen. Der benachbarte Zwinger, einst höfische Bühne unter freiem Himmel, erscheint in den heiteren Formen des Rokoko, ganz so, als fange die Architektur an zu tanzen und zu jubeln, heute auch Schauplatz der Porzellansammlung in den umlaufenden Pavillons, während der wuchtige Nordflügel dem neunzehnten Jahrhundert angehört und die Galerie Alte Meister beherbergt, jene großartigen Gemälde – darunter die legendäre Raffael-Madonna – die Dresden den Namen Elb-Florenz einbrachten.

Schließlich stößt man auf die Semperoper, einen Bau des Historismus, Spielstätte der Sächsischen Staatskappelle. Besonders die Dresdner selbst lieben dieses Prunkstück der Belle Époque. Wenn aber eine neue Inszenierung des Rings unter dem Dirigat von Kapellmeister Christian Thielemann angekündigt wird, sind die Vorstellungen innerhalb eines Tages ausverkauft, weil sich Wagnerliebhaber aus aller Welt melden.

Die wieder erstandene innere Altstadt von Dresden präsentierte sich wie eine ästhetische Schule, ob für Musik, Malerei, Architektur, Interieurs, Tischkultur. Man möchte nicht zögern, diesen Ort wieder zu den schönsten Städten in Deutschland zu zählen. Einmalig ist das dichte Beieinander der Kunststätten um den Neumarkt herum, vermischt mit urbanem Leben.

Zu guter Letzt findet man am rechten Elbufer, in der Neustadt, das Gourmetrestaurant Caroussel im Bülow Palais. Das Gast erfreut sich an höfisch-barocken Elementen: an grüner Seide, mit der die gepolsterten Stuhlsessel überzogen sind, oder am Meissner Porzellan, auf dem die Speisen serviert werden. So wie die Einrichtung die verspielte Weise des Rokoko vermittelt, so haben auch die Speisen etwas von der leichteren südlicheren Art an sich. Der Duft des Kaisergranats vermittelt den Anklang von frischer Meeresbrise, und die Süße des Krebsfleisches wird wunderbar vom schmelzenden Rauchmandeleis ausbalanciert. Die anschließende Velouté vom Heilbutt schmeckt so gut, dass man mit dem Löffeln nicht mehr aufhören möchte.

Erwin Seitz

In kürzerer Fassung erschienen im Magazin der Neuen Westfälischen und Neuen Osnabrücker Zeitung

Hotel Vienna House QF Dresden: qf-hotel.de, Mitglied der Preferred Hotels: preferredhotels.com; Kastenmeirs im Kurländer Palais: kastenmeiers.de; Caroussel im Bülow Palais: buelow-hotels.de; Dresden Service: marketing.dresden.de und www.dresden.de/tourismus